Zum Tod Michael Harners

Ein Nachruf aus persönlicher Sicht des Webseitenautors Ethnatmed

1996 wurde ich erstmals mit der Idee des Schamanismus konfrontiert. Eine Reihe persönlicher Zufälle und Erfahrungen zwangen mich regelrecht dazu, mich mit diesem damals für mich neuartigen Phänomenen zu beschäftigen. Ich sah mich herausgefordert, diese eigenartige Erscheinung als mögliche tatsächliche Realität, jenseits alter Märchenbücher oder dem gerade heranwachsenden Esoterikboom, ins Auge zu fassen und zu untersuchen. Ich fühlte mich dort auf geheimnisvolle Weise »zu Hause«. Bald wollte ich der Sache handfest auf den Grund gehen, musste aber feststellen, dass mir das dazu nötige Wissen fehlte.

Eines Wochenendes, nun schon 1998, streifte ich durch die Stadt, wie ich es oft getan hatte, seit ich als Sechzehnjähriger in München heimisch geworden war. Während meiner innerstädtischen Abenteuer waren besonders Münchens Buchhandlungen zu meinen Lieblingsorten geworden. Ich liebte das Flair des Marienplatzes und der Kaufingerstraße. Ich musste jedoch bald feststellen, dass mir die Buchläden bei meinem aktuellen Problem - einer möglichen eigenen praktischen Beschäftigung mit dem Schamanentum - nicht weiterhelfen konnten. In einer kleinen Bahnhofsbuchhandlung sollte sich das Blatt jedoch wenden. Dort stand ich vor einem der Regale, entdeckte ein interessant aussehendes Buch, und zog es aus dem Bord. Dabei fiel mir sein unscheinbarer Nachbar direkt auf den Fuß. Die Rückseite war aufgeschlagen. Auf der Innenseite des Umschlags blickte mich ein bärtiges Gesicht mit Hut und großer Brille an. Das Porträt zeigte erstaunliche Wirkung auf mich. Kraftvoll der Blick. Fragend. Abenteuerverheißend. Herausfordernd. Kurzerhand stellte ich das erste Buch zurück und sah mir stattdessen dieses hier genauer an. Es war Michael Harners »Der Weg des Schamanen«.

Mit dieser Arbeit hatte ich erstmals eine, vor allem nicht »esoterisch« wirkende, sondern stattdessen bodenständig geschriebene, praktische Anleitung in der Hand. Sie ermöglichte es mir tatsächlich, eigene willentlich-praktische schamanische Erfahrungen zu sammeln. Ich war fasziniert und gleichzeitig etwas erschrocken von der Erkenntnis, dass diese vergleichsweise einfachen Techniken tatsächlich zu funktionieren schienen. Einige Jahre arbeitete ich für mich im stillen Kämmerchen mit den hier beschriebenen Methoden. Sein Schreibstil und die didaktisch präzise Art kamen meinem analytisch orientierten Verstand und Wissensdurst ebenso, wie meiner Abenteuernatur entgegen. Vor allem fiel mir schnell auf, dass ich das, was ich hier erlebte, bis zu einem gewissen Grad für mich selbst auf Herz und Nieren prüfen konnte. Gewissermaßen also auch »wissenschaftlich« - praktisch-geisteswissenschaftlich, um genau zu sein - mit diesen Methoden umgehen konnte.

Sein Buch wurde mir eine erste ernsthafte Hilfe mit Erlebnissen bewusster umzugehen, mit denen ich bereits in meiner Kindheit und Jugend konfrontiert war, ohne ihnen je einen Namen geben zu können. Erst viel später entschloss ich mich, nun dann auch ein Basisseminar zum schamanischen Arbeiten zu absolvieren. Und ab jetzt auch von wohl ausgesuchten menschlichen Lehrern auf diesem Weg zu lernen. Harners Arbeit ermöglichte es mir letztlich, durch praktische Selbstanwendung seiner coreschamanischen Techniken meinen eigenen spirituellen Weg zu finden und im Laufe der (vielen) folgenden Jahre tatsächlich zu einer Art »ausgebildetem Schamanen« heranzureifen. Ein Umstand, den ich freilich als Letzter realisierte, so scheint mir heute.

All die Jahre hatte ich niemals praktischen Kontakt zur Foundation for shamanic Studies. Aber Harner, seinen Kernschamanismus, und die Arbeit der von ihm gegründeten FSS habe ich immer in Ehren gehalten. Mit einigen FSS-Mitgliedern stand ich in persönlichem Kontakt. Aber mit deren führenden Vertretern, vor allem eben Michael Harner oder Paul Uccusic von der FSS Europa, hatte ich nie etwas zu tun. Bis zu einem »großen Traum«, der mir vor einigen Jahren wiederfahren war. In dieser Nacht träumte ich, dass ein Freund von mir starb. Dort begegnete ich - nur dieses eine Mal! - Michael Harner »persönlich«, der mir einige für mich wichtige Hinweise und Informationen gab. Der Traum war ausgesprochen eindrücklich, sein Inhalt bestätigte sich drei Tage später: Jener Freund von mir war tatsächlich in dieser Nacht verstorben. Ich war erschüttert und entschloss mich, nun doch mit Paul Uccusic Kontakt aufzunehmen, denn ich hatte nun das dringende Bedürfnis, mich mit ihm über das von Harner im Traum Erfahrene auszutauschen. Er zeigte sich erstaunlich aufgeschlossen über meine Nachricht. So kamen wir ins Gespräch und tauschten uns auf angenehme Weise aus. Das war etwa ein Jahr vor seinem eigenen, überraschenden Tod.

Der Weg eines Meisterschamanen

Harners Arbeit war für mich, wie für so viele andere, immer ein wichtiger Inspirationsquell und Motivator auf meinem eigenen schamanischen Weg. Das wurde mir nach meiner Traumerfahrung um so bewusster. Es gibt zum Thema Schamanismus nicht all zu viele Bücher, denen ich wirklich uneingeschränktes Vertrauen schenken würde. Einige davon sind jedoch besonders. Sie sind selbst auf geheimnisvolle Weise lebendig und in gewisser Weise zaubermächtig im alten Sinne. Denn sie transportieren Kraft. Harners Buch ist mir zu einem schamanischen Kraftgegenstand geworden, den ich bei mir auf dem Schreibtisch stehen habe. Schon in den Vorworten benennt er eine Tatsache frei heraus: Dass das Schamanentum vielleicht das letzte verbliebene, große Abenteuer des Menschen ist. Dort kann man auch folgende Bemerkung lesen: »Auf die heute oft zu hörende Frage ›Soll das alles sein?‹ kann ich mit unerschütterlicher Sicherheit antworten: ›Nein, es gibt noch viel mehr, als wir uns vorzustellen in der Lage sind.‹« Diese Aussagen und viele weitere kann ich heute mit ebenso unerschütterlicher Gewissheit bestätigen.

Michael Harner war studierter Archäologe. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit fand er sich von 1956 bis 1957 in einer anthropologischen Feldarbeit bei den Shuar in Ecuador wieder. Dort hatte er Gelegenheit, die Lebensweise und den Schamanismus dieser Menschen zu beobachten. 1960 und 61 hielt er sich bei den Conibo in Peru, ebenfalls in der Amazonasregion, auf. Auch dort konnte er zahlreiche Informationen sammeln, seine Bemühungen jedoch, die »Religion« dieses bemerkenswerten Volksstammes kennen zu lernen, waren zunächst frustran. Die Conibo motivierten Harner schließlich, selbst Ayahuasca, den dort verwendeten visionären Trank, einzunehmen. Er könne nur etwas über deren Religion erfahren, wenn er selbst Erfahrungen in der spirituellen Welt sammeln würde. Er ging dieses Wagnis ein - und wurde mit der geballten Macht und Realität der verborgenen Welt der Schamanen konfrontiert. In der Folge erkannte er, wie wichtig es war, dieses Wissen zu erhalten und zu fördern. Nach eigenen Worten begann so sein eigenes, nun ernsthaftes und praktisches Studium des Schamanismus. Er arbeitete viel mit den Conibo, später dann erneut mit den Shivaro, die er schon 1956 kennen gelernt hatte. Aus diesen und zahlreichen weiteren Erfahrungen entwickelte sich allmählich sein Ansatz, der heute als »Coreschamanismus« weltbekannt ist. Dessen Grundlagen, inklusive seiner ersten Erfahrungen und Visionen, beschreibt er gewissermaßen als Kerndestillat seiner eigenen Schamanenlehre im »Weg des Schamanen«, dessen englische Erstaufgabe auf 1980 datiert ist.

Seine letzte große Reise

In seinem letzten Buch, welches erst 2013 erschienen war, deutete er ja bereits an, dass er nun alt geworden sei und ihn »sein Schutzgeist wohl bald verlassen werde«. Am Freitag, den 3.2.2018, ist er nun zu seiner letzten großen Reise in die Unendlichkeiten der Geisterwelt angetreten. Mit ihm hat aus meiner Sicht eine der wichtigsten Persönlichkeiten unserer westlichen Gesellschaft diese Welt verlassen. Seine Arbeit und seine damit verbundene schamanische Persönlichkeit hat Erstaunliches bewirkt. Das Phänomen des in den letzten Jahrzehnten auch in den Westen erneut vorgedrungenen und verwurzelten praktischen Schamanentums wäre nach meiner Überzeugung ohne ihn so nicht möglich gewesen. Seine Vision und die Früchte seiner Arbeit werden fortgeführt, gepflegt und weiter gedeihen - dessen bin ich gewiss. Er wird vielen Menschen, die von ihm berührt wurden, für lange Zeit in herzlicher Erinnerung bleiben.

München, 7.2.2018
Frank Röpti